Reinhard Plückthun
Nov 23, 2017

Das große Missverständnis der digitalen Transformation.

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Kennen Sie sich noch aus in der heutigen Wirtschafts-Welt?

Alles ist so digital, so disruptiv, so agil und so verwirrend. Jeden Tag wird in den Medien, digital oder analog, beschworen, dass wir mitten in einem digitalen Tsunami sitzen und es nun wirklich ernst wird. Man kann einfach nicht mehr so weitermachen wie bisher. Und so machen sich Horden von Vorständen und ihre „leitenden“ Manager auf ins Silicon Valley. Dort vermuten sie den heiligen Gral der „digitalen Transformation“. Sie hoffen auf Antworten auf ihre Fragen: „Wie werden wir innovativer, agiler, kreativer und was zur Hölle ist eigentlich dieses Design Thinking“?

 

Im Valley treffen sie auf junge, dynamische und kreative Menschen, die damit beschäftigt sind, die Besucher-Gruppen durch bunte, hippe „Creative Spaces“ zu lotsen. Sie zeigen ihnen, was so alles geht in einer offenen Atmosphäre mit Bälle-Bädern, Kickertischen, Rutschbahnen und beschreibbaren Wänden. Die Besucher wollen auch beschäftigt werden, also gibt es auch eine „Design-Thinking-Power-Session“. Die Krönung des Touristenprogrammes für Neudigitale: Ein Treffen mit den Hipster-Tech-Stars der Start Up Szene. Oder zumindest mit den übriggebliebenen Hipstern, die zu solchen Treffen noch Zeit, Lust und Nerven haben. Das Ganze wirkt wie eine gute einstudierte Show. Wie ein Disney Land für digitale Neulinge.

 

Jeder hat seinen Spaß und die Manager kommen ganz beseelt und voller Tatendrang in ihre Unternehmen zurück. Jetzt wird alles anders. Jetzt wird die digitale Rakete gezündet.

Nach der Rückkehr in die durchgestylten Vorstands-Etagen wird das Gelernte sofort umgesetzt: „Leute, wacht auf! Ich weiß jetzt, wie Innovation geht! Als erstes bitte alle Design Thinking lernen. Dann die Bürowände niederreißen. Alles muss offener, bunter und kommunikativer werden!“. Die Vorstandsbüros bleiben natürlich davon verschont, man hat ja schließlich Kundenkontakt.

 

Fazit

 

Nach den unzähligen Methoden- Trainings, nach den neuen „Büro-Welten“ und den Einzel- Workshops und Hackathons mit den örtlichen Start-Ups? Es tritt die große Ernüchterung ein. Irgendwie versteht man diese Welt nicht, findet keinen Zugang zu ihr.

Design Thinking?! „Ja, ja, haben wir gemacht. Bringt nichts“ Kreativ-Räume?! „Klar, haben wir. Aber da werden meist nur die üblichen Meetings abgehalten. Eben wie früher.“ Start-Ups? „Die verstehen unser Business nicht wirklich. Das Ganze hat nur Zeit, Nerven und Geld gekostet.“

 

Die Konsequenz:

 

Die anfängliche Dynamik schläft ganz langsam wieder ein. Es geht wieder weiter mit „business as usual“.

Dieser beschriebene Vorgang belegt ein großes Missverständnis, das bei vielen Unternehmen (und teilweise in der öffentlichen Meinung) vorherrscht. Es reicht definitiv nicht, einen Raum umzugestalten, ein Modell auszuprobieren und mit jungen Start Ups zu reden, um sein Unternehmen auf die digitale Realität einzustellen.

Diese Einstellung entspricht nämlich einer alten Denke: für jedes Problem gibt es einen passenden Knopf. Effizienzsteigerung, Prozessoptimierung, flachere Organisation und Lean Management – Knopf gedrückt und – schwupps – kommen Heerschaaren von geschniegelten und bestens ausgebildeten Beratern und bieten die passende Lösung. Doch in Wahrheit produziert die Beratungs-Industrie nur Tonnen von Papier und unzählige Powerpoint-Präsentationen, die keiner versteht. Ob es funktioniert? Keine Ahnung aber „man hat alles getan, um das Problem zu lösen“. Nun aber ist auf einmal alles anders.

Es gibt nämlich nicht den passenden Knopf, um das Problem mit dem digitalen Wandel zu lösen. Dazu ist dieser zu umfassend, zu allmächtig. Der Wandel hat Auswirkungen auf das gesamte System: Organisation, Märkte, Prozesse, Kunden, Medien, Vertriebswege, alles verändert sich mit der „Digitalisierung“.

 

 

WAS also tun?

 

Nun, wir möchten zunächst einmal aufführen, wie es nicht geht: Viele Unternehmen beauftragen ein externes Team junger Entwickler damit, in hippen Labs oder Hubs ihre Strukturen zu modernisieren. Möglichst in Berlin, weil man sich von den bärtigen Spezialisten in der Hauptstadt die größte credibility erhofft. Die Unternehmen sind stolz auf ihre erkaufte Innovationsfähigkeit und schieben gleich einen Venture Fond mit hohen Euro-Beträgen hinterher. Kann man so machen. Und im heimischen Unternehmen? Dort wird die Zukunfts-Arbeit in Berlin beobachtet ohne ein Teil davon zu sein, schließlich ist man kein „Digital Native“. Die Superstars der Szene werden es schon richten, mit den entsprechenden Honoraren versteht sich. In der der Unternehmenszentrale jagt dagegen ein Sparprogramm das nächste.

Das Ergebnis eines solchen Prozesses: Es entsteht eine Front zwischen der „alten Welt“ und der „neuen Welt“. In der „alten Welt“ lasen sich über Jahrzehnte gewachsene Strukturen kaum davon beeindrucken, was die „neue Welt“ da in Berlin so veranstaltet. Beide Welten verstehen sich nicht. Und beide finden nicht zueinander.

Am Ende manifestiert sich das Ganze zu einem großen Missverständnis. Die Hoffnung, mit den Start Ups innovativer und kreativer zu werden, ist geplatzt.

 

Unser Gedankenansatz

 

Seit vielen Jahren sprechen wir mit unterschiedlichen Unternehmen über ihre Anstrengungen, darauf eine Antwort zu finden. Im ersten Schritt müssen wir dabei Aufklärungsarbeit betreiben. Was vielen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass die „Digitalisierung“ kein modischer Trend ist, sondern eine feste Realität in unserer Lebenswelt, der sich jeder Mensch, jedes Unternehmen stellen muss. Und dazu reichen nicht aktionistische Maßnahmen, die nur die Oberfläche ankratzen ohne nachhaltig zu wirken, wie z.B. Werte-Konzepte, Re-Brandings, Social Media Kampagnen oder ein neues, fancy wirkendes Türschild. Der benötigte Wandel ist tief, umfasst alle Bereiche und verlangt ein neues Denken. Für diesen Wandel bedarf es eines Dreiklanges aus Raum (Orte, an denen Neues entstehen kann), Mensch (der gewillt ist, Neues zu schaffen und dem das Vertrauen dafür entgegengebracht wird) sowie Methoden (um die Fähigkeiten zu erlernen und täglich anzuwenden, wie ganz konkret Neues entstehen kann).

Fehlt nur eine dieser drei Zutaten, schmeckt die Suppe nicht. Die wichtigste Voraussetzung aber ist der Glaube der verantwortlichen Vorstände, den Weg der digitalen Transformation zusammen mit den eigenen Mitarbeitern zu gehen. In jedem Unternehmen gibt es unter den vielen Mitarbeitern auch welche, die bereit sind, an der digitalen Zukunft ihres Unternehmens zu arbeiten. Wandel lässt dich nicht diktieren, sondern muss von allen verstanden, mitgetragen und umgesetzt werden. Nur zusammen lässt sich die Reise in die digitale Zukunft bewältigen.

 

 

Also machen wir uns in vertrauensvoller Zusammenarbeit eng mit den zuständigen Verantwortlichen in Vorstands- und Führungs-Etagen auf die gemeinsame Reise. Learning by Doing! Wir erleben auf dieser Reise viele Abenteuer, machen hier oder dort auf einer Insel halt, umschiffen einige Klippen, trotzen den einen oder anderen Sturm und halten die Mannschaft auf Kurs. Alles was es dazu braucht, ist ein neues Verständnis, dass Probleme sich nicht auf Knopfdruck lösen lassen. Denn der entscheidende KPI der Zukunft ist nicht die repetitive Problemlösung wiederkehrender Herausforderungen, sondern die Anpassungsfähigkeit und die kreative Kompetenz, sich als Organisation schnell und stetig neu zu orientieren und zu erfinden.

Und nachdem die Mannschaft dann auf Kurs ist und gelernt hat, die nächsten Herausforderungen eigenständig zu umschiffen, ziehen wir uns als „Reise-Begleiter und Navigatoren“ wieder zurück. Es ist etwas Neues entstanden: Zuversicht, kreative Energie, Ideenreichtum und die Fähigkeit, die digitale Zukunft selbst im Unternehmen zu gestalten. Es geht eben auch ohne Missverständnisse.

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  • Reinhard Plückthun
    Mar 25

    Es wird sehr viel über Veränderung gesprochen. Meist redet man vom ungeheurenVeränderungsdruck. Weniger höre oder lese ich jedoch vom Veränderungswillen. In den letzten 15 Jahren, in denen ich so einige große Unternehmen kennen lernen und sie beratend begleiten durfte, merkte ich sehr schnell, was das konkret bedeuten kann. Jene Unternehmen und deren Mitarbeiter die Veränderung als Druck empfanden und meinten sie müssten (!) jetzt mal was tun, gingen mit einer anderen Haltung an die Innovations-Arbeit als jene, die sagten, wir wollen (!) jetzt die Veränderung und etwas bewegen. So war es sehr energieaufwendig die „Müssenden“ zunächst für Veränderungen zu öffnen im Gegensatz zu den „Willigen“, die auf Basis Ihrer Neugier gleich offenherzig loslegten. Sie können sich gut vorstellen wer am Ende die größeren Sprünge gemacht hat. Dabei habe ich aber auch erkannt, dass unser ganzes soziales und wirtschaftliches System sehr stark vom Bewahren der Erfolge der letzten Jahrzehnte geprägt ist. Es scheint mir verständlich, dass die Bewahrer sich nur schwer auf Neues und Unbekanntes einlassen, solange das Jetzige noch erfolgreich ist oder zumindest scheint. Was ich den Bewahrern dann vermittelte war die Freude am Entdecken. Damit einhergehend steigerte sich auch ihr Mut Bekanntes in Frage zu stellen, sich Bisheriges und Erreichtes zu Nutze zu machen um Neues auf dieser Basis zu bauen und wachsen zu lassen. Veränderung kann man also erlernen. Für mich war und ist es wichtig, alle Beteiligte mitzunehmen auf eine große Reise, wenn auch unklar ist, welche Stürme wir zu überstehen haben und welche Länder wir am Ende neu entdecken. Für mich ist diese Reise bereits das Erlebnis. Veränderung ist spannend, macht uns lebendig und neugierig. Also fragen Sie sich: „Was kann ich heute einmal anders machen?“. Das können kleine Dinge sein. Am Morgen mal Tee statt Kaffee, die Meetings im Stehen statt im Sitzen oder einen anderen Nachhauseweg wählen. Man muss ja nicht immer gleich die ganze Welt verändern wollen. Die Reise beginnt damit, dass man erste kleine Schritte geht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß am „anders machen“. Reinhard Plückthun
  • Reinhard Plückthun
    Nov 8, 2018

    Ich finde, das Kreativität die meist unterschätzte Ressource in Unternehmen ist. Wir reden permanent darüber, das wir agiler, innovativer, radikaler werden müssen um auch in Zukunft erfolgreich sein zu können. Was wir aber dabei unterschätzen ist, das dieser Kampf an der menschlichen Ideenfront ausgetragen wird und eben nicht in der digitalen Vermessung der Welt. Also mehr Humboldt und weniger Gauß, vereinfacht gesagt. Es zählt der menschliche Funke und nicht der maschinelle Impuls. In einer Forrester Studie wurde festgestellt, das sich 61% aller Unternehmen als NICHT kreativ genug empfinden. Obwohl man auch festgestellt hat, das kreative Unternehmen erfolgreicher sind und bis zu 10% mehr Umsatz generieren. Warum also wird dieser verborgene Schatz so selten gehoben? Als erstes ist Kreativität ein Thema für die Führungs-Etage. In der IBM Global CEO Studie ist Kreativität die WICHTIGSTE Führungsqualität. Kreative Führungskräfte fördern Experimentierfreude und damit Innovationskraft im Unternehmen. Sie unterstützen aktiv tiefgreifende Veränderungen ihrer Geschäftsmodelle. Dabei suchen sie ständig nach neuen Ideen und sorgen für einen nachhaltigen innovativen Führungs- und Kommunikationsstil. Soweit so gut. In der Praxis hat sich mir oft ein differenzierteres Bild dargestellt. Nämlich, das oft die eigene Organisation einen breiten, mutigen Einsatz von Kreativität sogar verhindert. Kreativität wird oft ausgelagert in die Marketing-Abteilung ("die dürfen da ja kreativ sein") oder in externe Hub´s und Lab´s ("dort arbeiten wir mit jungen kreativen Start Up´s zuammen") und vermitteln so der Organisation, das Kreativität eher eine Nischen-Qualität im Management-Tagesgeschäft ist. Zu kurz gedacht. Denn die GESAMTE kreative Kraft, die in jedem Unternehmen liegt, gilt es täglich zu nutzen und zu aktivieren, um "neue, werthaltige und nützliche Dinge hervorzubringen" (Definition von Kreativität lt. D.G. Meyers, Psychologie 2014). Vor allem JETZT und HEUTE. Denn: Wir sind gerade Zeitzeuge von etwas NEUEM was gerade erst im entstehen ist. Historisch gewachsenes wird hinterfragt. Bisher erfolgreiches muss neu gedacht werden. Also: Wir brauchen mutige kreative Unternehmen, die JETZT unsere Zukunft neu gestalten. Welche Voraussetzungen dafür notwendig sind hat einmal Reinhard K- Sprenger so formuliert: „Wer will, dass seine Mitarbeiter kreativer werden, der muss Unsicherheit akzeptieren, auch scheinbar Unvernünftiges zulassen, wo kein extremer Schaden zu befürchten ist. Der erkennt Initiative an und nicht Konformität. Der schenkt seinen Mitarbeitern Vertrauen und gibt ihnen Freiheitraum.“ Conclusion: Jeder Mensch ist kreativ. Organisationen haben bisher zu wenig Kreativität gefördert und gefordert. Darin liegt ein unfassbar großes Potential. Denn Kreativität ist notwendig um Neues zu erschaffen. Neues wird unsere Zukunft sichern. Und Zukunft wird aus Ideen gemacht. Reinhard Plückthun Nov, 2018. www.navigationlab.de
  • Klaudia Weier
    Mar 29, 2018

    In einem ehemaligen Fabriksareal in Wien-Atzgersdorf befindet sich unser Creative Space. Untergebracht in einer alten Klavierfabrik, einem unverwechselbaren Bau aus roten Backsteinen. Als Plattform für Innovation lockt das Loft Kreative sämtlicher Sparten, die sich an Diskussionen beteiligen, Innovationsveranstaltungen besuchen oder selber Workshops abhalten wollen. Die Location ist Coworking Space, Café und Workshopraum zugleich, dem eine Atmosphäre von Bohème anhaftet und als idealer Rückzugsort für Innovatoren, Coworker sowie Kreative dient. Die Inspiration entsteht durch die Vielzahl an Möglichkeiten, sich ohne Druck entscheiden zu können. Man kann in unserer Bücherecke nach Methoden-Literatur oder Tools suchen, ein Business Meeting oder Offsite abhalten, den Nachmittag in Ruhe mit Arbeiten verbringen, inspirierende Gespräche führen bzw. einen Design Thinking oder anderen Workshop abhalten. Sich dabei vergessen oder finden und sich zwischendurch mit leckeren Köstlichkeiten verwöhnen lassen. Darf es ein bisschen Farbe sein? In unserem Creative Space in Wien können alle, die auf der Suche nach Inspiration sind, nicht nur entspannt workhoppen und coworken, sondern auch ihre kreativen Batterien aufladen. Inspiration für Farbgebung und Stile findet man hier an jeder Ecke. Nicht nur die Bilder an den Wänden, oder die ausgefallenen Bestuhlungsvarianten, sondern auch die funktionalen Möbel sowie Dekorationen und Installationen sind Kunstwerke für sich. Manchmal braucht man einfach etwas Abstand, um den Kopf wieder freizubekommen. Innovation entsteht dort, wo zusammengearbeitet wird und Ideen gemeinsam weiterentwickelt werden. Ziel ist es, dass möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen Berufen und aus unterschiedlichen Branchen in einem Raum zusammenarbeiten. So wird eine kreative Arbeitsatmosphäre geschaffen, die Kooperation und Wissensaustausch fördert. So come in and take a seat @ our Coworkingloft
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